Lehrveranstaltungen

Wintersemester 2017/18

Sommersemester 2018

Unter Vorbehalt – Änderungen möglich

Kommentare zu den Lehrveranstaltungen

Vorlesung: Sprache erwerben, verstehen, produzieren – wie geht das? Psycholinguistik des Russischen und Polnischen (WS 2017/18)

Die Frage, mit der sich die Psycholinguistik beschäftigt, lautet: Was passiert, wenn wir sprechen und wenn wir Sprache hören, wie produziert und verarbeitet der Mensch Sprache? Besondere Aufmerksamkeit gilt in der Psycholinguistik dem Erwerb von Sprache: Wie kommen kleine Kinder zur Sprache, wie funktioniert Mehrsprachigkeit, wie erwirbt man Fremdsprachen? Psycholinguistische Forschung hilft, diese Prozesse zu verstehen und angemessen zu unterstützen.

Die Kenntnis der psycholinguistischen Grundlagen kann aber auch viele Eigenschaften der Sprache erklären. Besonders deutlich geworden ist dies zum Beispiel in der jüngeren Semantikforschung: Bedeutungen von Wörtern werden vom Menschen nicht als abstrakte Merkmalslisten abgespeichert, sondern als Konzepte mit besten Beispielen (sog. Prototypen). Ein ganz anderer Bereich, der der derzeit besonders in der russischen Psycholinguistik erforscht wird, ist das Funktionieren von sprachlichen Assoziationen, die mit Assoziationstests abgefragt werden können. Auch die Methodik, mit der die Psycholinguistik vorgeht, ist eine relevante Frage: Welche Wege gibt es überhaupt, um Erkenntnisse über Spracherwerb, -verwendung und -produktion zu gewinnen?

Dies alles sind Fragestellungen, die in der Vorlesung beleuchtet werden, wobei der Schwerpunkt auf slavistischer Forschung (v.a. zum Russischen und Polnischen) liegt.

Literaturtipps:

  • Rickheit, G. et al. 2007 Psycholinguistik, Tübingen
  • Frumkina, R.M. 2003 Psicholingvistika, Moskva
  • Fernández, E.M. & Smith Cairns, H. 2011 Fundamentals of Psycholinguistics, Chichester u.a.

Hauptseminar: Russisch – genau wie andere Sprachen oder ganz anders? Die russische Sprache aus typologischer Perspektive (WS 2017/18)

Die Sprachen der Welt unterscheiden sich stark im Bestand ihrer sprachlichen Mittel – sie verfügen über unterschiedliche Phoneminventare, verschiedene grammatische Kategorien bzw. unterschiedliche Ausprägungen der einzelnen Kategorien, verschiedene Wortstellungsregularitäten usw. Je nach Gruppierung dieser Merkmale werden die Sprachen in verschiedene Typen zusammengefasst. Dies ist der Gegenstand der linguistischen Typologie, deren Fragestellungen und Methoden der erste Abschnitt des Seminars gewidmet ist. Zweitens werden wir einen Überblick über die möglichen Varianten der wichtigsten Kategorien und Formbereiche gewinnen, etwa: Welche Ausprägungen der Kategorie Tempus gibt es? Haben alle Sprachen ein Futur? Aus der gewonnenen Perspektive soll dann das Russische betrachtet werden: Wo ähneln die Strukturen des Russischen denen anderer Sprachen, wo finden wir funktionale Ähnlichkeiten bei formalen Unterschieden, wo verfügt das Russische über spezifische Strukturen? Welcher Anteil ist typisch slavisch? Ist beispielsweise der Aspekt eine typisch russische bzw. typisch slavische Kategorie oder finden wir sie auch in anderen Sprachen? Und welche unterschiedlichen sprachlichen Mittel nutzen die Sprachen, um die Aspektkategorie auszudrücken? Aus dieser vergleichenden Perspektive beschäftigen wir uns mit grammatischen Kategorien, aber auch mit dem Wortschatz, zum Beispiel mit Farbbezeichnungen oder Wörtern für Verwandtschaftsbeziehungen.

Literaturtipps:

  • Pereltsvaig, A. 2012. Languages of the World. An Introduction, Cambridge
  • Vellupillai, V. 2012: An Introduction to Linguistic Typology, Amsterdam
  • The World Atlas of Language Structures (WALS) 2011 (wals.info)

Hauptseminar: Genderlinguistik des Polnischen (WS 2017/18)

Sprechen Frauen anders als Männer? Stimmt es, dass sie mehr Farbbezeichnungen kennen, weniger fluchen, mehr Fragen stellen und die grammatischen Normen eher einhalten? Im Seminar werden wir uns mit Studien beschäftigen, die versuchen, solche Unterschiede systematisch zu untersuchen. Doch der Themenkreis der Genderlinguistik besteht nicht nur in unterschiedlichen Sprechweisen der Geschlechtern, sondern auch darin, wie die Sprache sich auf diese bezieht: Wir werden uns daher in einem zweiten thematischen Block damit beschäftigen, wie sich das „natürliche Geschlecht“ (Sexus) in der polnischen Sprache niederschlägt. Hierzu gehört die Frage danach, über welche Ausdrücke zur Bezeichnung von Frauen und von Männern das Polnische verfügt und wie sie gebildet werden; ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verhältnis von Sexus zum „grammatischen Geschlecht“ (Genus). In diesem Zusammenhang werden wir uns auch aus psycholinguistischer Perspektive mit der Wahrnehmung dieser Ausdrücke beschäftigen: Welche Rolle spielt die sprachliche Sichtbarkeit des Sexus für die Wahrnehmung von Männern und Frauen?

Literaturtipps:

  • Karwatowska, M. / Szpyra-Kozłowska, J. 2005 Lingwistyka Płci: on i ona w języku polskim. Lublin.
  • Klann-Delius, G. 2005 Sprache und Geschlecht. Stuttgart.

Oberseminar: Empirische Forschungen zur Mehrsprachigkeit (WS 2017/18)

Im Zentrum des Oberseminars steht die kritische Auseinandersetzung mit dem methodischen Handwerkszeug, das für empirisches Arbeiten notwendig ist. Im ersten Teil des Semesters werden wir empirische und analytische Methoden am Beispiel der Mehrsprachigkeitsforschung erörtern und besprechen, welche Verfahren sich prinzipiell für welche Art von Fragestellung eignen und wo ihre Grenzen liegen. Dazu werden wir uns einerseits mit Literatur beschäftigen, die Hinweise zur Forschungsmethodik gibt, andererseits werden wir empirische Studien lesen und ihre Methodik diskutieren. Im zweiten Teil des Semesters erarbeiten die Studierenden eine empirische Fragestellung und die dafür notwendigen Methoden und führen eine Pilotstudie durch, um diese zu überprüfen.

Literaturtipps:

  • Albert, R. / Marx, N. 2014 (2.) Empirisches Arbeiten in Linguistik und Sprachlehrforschung: Anleitung zu quantitativen Studien von der Planungsphase bis zum Forschungsbericht, Tübingen
  • Schmid, M. 2011 Language attrition, Cambridge (GB) u.a.

Forschungskolloquium slavistische Linguistik (WS 2017/18, SS 2018)

Leitung: Prof. Dr. Tanja Anstatt, Dr. Katrin Bente Karl

Gegenstand des Forschungskolloquiums ist die Präsentation von eigenen Forschungs­arbeiten. Es richtet sich an alle Studierenden und Lehrenden des Instituts, die sich für aktuelle Themen und Methoden der slavistischen Sprachwissenschaft interessieren und den Austausch hierüber pflegen möchten. Die Beteiligten sind dabei drei Gruppen von Personen:

  1. Für fortgeschrittene Studierende der M.A.-Phase, die einen linguistischen Schwerpunkt gewählt haben, ist der Besuch des Forschungskolloquiums im Rahmen des Moduls “Forschendes Lernen” obligatorisch. Sie stellen hier ihre Masterarbeit als “work in progress” vor.
  2. Das Forschungskolloquium kann im WS 2017/18 erstmals auch von interessierten B.A.-Studierenden in der Phase der Abschlussarbeit als Poolkurs besucht werden. Die B.A.-Studierenden haben ebenfalls die Möglichkeit, die Vorarbeiten zu ihrem B.A.-Projekt zu präsentieren und Austausch, Anregungen sowie methodische Unterstützung erhalten.
  3. Die dritte Gruppe von TeilnehmerInnen sind postgraduierte slavistische LinguistInnen, die hier ihre Dissertationsprojekte oder andere größere Forschungsvorhaben präsentieren. In diesem Zusammenhang werden mehrmals pro Semester Gäste eingeladen, sodass die TeilnehmerInnen auch mit Forschungen bekannt werden, die außerhalb von Bochum durchgeführt werden.

Im Zentrum stehen in jedem Fall linguistische Methoden: Leitfrage ist, welche Methode jeweils in der Untersuchung angewendet wird, was bei der Durchführung zu beachten ist und wo Probleme entstehen können. Auch thematisch dem eigenen Gebiet ferner liegende Forschungsthemen können dadurch sehr gut zu Fragen der eigenen Arbeit in Bezug gesetzt werden.

Vorlesung: Slavische Sprachen in Deutschland (SS 2018)

Seit mehreren Jahrzehnten verzeichnet Deutschland eine starke Zuwanderung von Per­sonen mit einer slavischen Erstsprache. Ziel der Vorlesung ist es einerseits, die Situation der slavischen Migrationssprachen zu betrachten. Andererseits soll die­sen sog. allochthonen Sprachen die Situation einer autochthonen slavischen Spra­che in Deutschland gegenübergestellt werden: Das Sorbische wird seit dem Mittel­al­ter von einer kleiner werdenden Personengruppe in Sachsen und Brandenburg gespro­chen.

In der Vorlesung werden diese slavischen Sprachen unter verschieden Gesichtspunkten betrachtet. Eine Perspektive ist die soziolinguisti­sche: Wann werden die slavischen Sprachen verwen­det, wie werden sie weitergegeben, wie sieht ihre Vitalität aus? Wie sind die Sprecher/innengruppen der verschiedenen Sprachen charakterisiert? Wie sehen die gesellschaftlichen Maßnahmen zu ihrer Unterstützung aus? Einen weiteren The­men­block bilden psycholinguistische Fragen der Zwei- und Mehrsprachigkeit: wie werden die slavischen Sprachen erworben, wie wirkt sich die Mehrsprachigkeit auf die Sprecher/Innen aus? Drittens werden wir uns mit systemlinguistischen Aspekten befassen und danach fragen, welche Veränderungen in den slavischen Sprachen im Kontext des Sprachkontaktes zu beobachten sind.

Literaturtipps:

Achterberg, J. 2005. Zur Vitalität slavischer Idiome in Deutschland. Eine empirische Studie zum Sprachverhalten slavophoner Immigranten, München

Scholze, L. 2007: Das grammatische System der obersorbischen Umgangssprache im Sprachkontakt, Bautzen

Hauptseminar: Russische Sprachgeschichte: Alltagstexte der Kiever Rus’ und ihre linguistische Analyse (SS 2018)

In diesem Seminar werden wir uns unter sprach- und kulturhistorischen Gesichtspunkten mit Texten beschäftigen, die dem 12. bis 16. Jahrhundert enstammen. Nach einem Überblick über die Textsorten, die es in der Kiever Rus’ gab, werden wir uns im ersten Schwerpunkt mit den Birkenrindentexten (“berestjanye gramoty”) beschäftigen. Dies sind Briefe und Notizen, die v.a. von den Einwohnern Novgorods seit dem Mittelalter angefertigt wurden und seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zu Tausenden aus dem sumpfigen Boden geborgen wurden. Sie umfassen Privatbriefe ebenso wie Schreibübungen von Kindern oder Beschwerde­briefe an Vorgesetzte. Der zweite Schwerpunkt liegt auf dem frühesten ostslavischen Rechtstext, der “Pravda Rusьkaja”, der in verschiedenen Versionen überliefert ist und das Bild des frühen ostslavischen Alltagslebens um anschauliche Details aus der Rechtssprechung bereichert.

Sprachlich sind diese Texte am zutreffendsten “Altostslavisch” zu nennen, denn sie sind in der Vorläuferform der heutigen ostslavischen Sprachen (Russisch, Ukrainisch und Weißrussisch) verfasst, gelegentlich wird diese Sprachform auch als “Altrussisch” bezeichnet.

Diese Texte bieten den Hintergrund, vor dem wir uns mit den sprachlichen Entwicklungen in Wortschatz und Grammatik vom Altostslavischen zum heutigen Russischen beschäftigen werden.

Literaturtipps:

Boretzky, Norbert (1999): Immanente Geschichte der russischen Sprache, in: Jachnow, Helmut (ed.): Handbuch der sprachwissenschaftlichen Russistik und ihrer Grenzdisziplinen, Wiesbaden, 689-725

Keipert, Helmut (1999): Geschichte der russischen Literatursprache, in: Jachnow, Helmut (ed.): Handbuch der sprachwissenschaftlichen Russistik und ihrer Grenzdisziplinen, Wiesbaden, 726-779

Zaliznjak, A. A. (1995): Drevnenovgorodskij dialekt, Moskva

Hauptseminar: Lexikologie und Lexikografie des Polnischen (SS 2018)

Der Wortschatz (Lexikon) einer Sprache kann uns Auskunft darüber geben, wie der sprechende Mensch seine Umwelt wahrnimmt und welche kulturspezifischen Blickweisen sich bemerkbar machen. Welche Kategorien sind für die Sprechenden relevant? Welche Erscheinungen werden sprachlich miteinander in Zusammenhang gebracht, indem sie mit demselben Wort bezeichnet werden? Um diese Fragen geht es im Seminar am Beispiel des Polnischen.

Wir beschäftigen uns zunächst mit der Disziplin der Lexikologie, mit der Struktur und Herkunft des polnischen Wortschatzes und den semantischen Beziehungen zwischen den einzelnen Wörtern.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist dann die Erfassung und Beschreibung des Wortschatzes in Wörterbüchern; dies ist der Gegenstand der Lexikografie. Was in einem Wörterbuch dargestellt wird und wie die Inhalte präsentiert werden, basiert auf Tradition, theoretischen Ansätzen und praktischen Erwägungen.Wir werden uns mit unterschiedlichen Wörterbüchern des Polnischen auseinandersetzen und beleuchten, welche Typen es gibt, wie sie strukturiert sind und welche Informationen sie liefern.

Die TeilnehmerInnen werden schließlich eigene Wörterbucheinträge entwerfen und sich so aktiv mit dem Gelernten auseinandersetzen.

Literaturtipps:

Lehmann, V. (Ms.): Linguistik des Polnischen: Lexikologie; Lexikografie.

Tokarski, R. 2001: Słownictwo jako interpretacja świata, in: Bartmiński, Jerzy (ed.): Współczesny język polski, Lublin, 341-370

Übung: Mehrsprachigkeitsforschung – Aktuelle sprachwissenschaftliche Texte verstehen und präsentieren (SS 2018)

Möchten Sie wissen, wie aktuelle sprachwissenschaftliche Forschung funktioniert? Würden Sie gern Ihre Fähigkeit verbessern, sprachwissenschaftliche Texte auf Deutsch, Englisch und in anderen Sprachen zu verstehen? Möchten Sie wissen, wie man professionell ein wissenschaftliches Thema präsentiert? Interessieren Sie sich für Mehrsprachigkeitsforschung? Wenn Sie eine dieser Fragen mit „ja“ beantworten, sind Sie in diesem Kurs richtig.

In dieser Übung geht es um die gemeinsame genaue Lektüre und Auseinandersetzung mit aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten aus dem Themenfeld der Mehrsprachigkeitsforschung. Wir werden diese Texte gemeinsam einerseits im Hinblick auf ihren Aufbau betrachten: Welche Informationen sind wo enthalten, was ist wichtig für das Verständnis? Zum anderen werden wir uns inhaltlich mit der jeweils präsentierten Forschung beschäftigen: Wie gehen die Untersuchungen methodisch vor, wie sind sie zu bewerten? Im zweiten Teil der Übung präsentieren die Studierenden selbst aktuelle wissenschaftliche Texte zur Mehrsprachigkeitsforschung und üben dabei aktiv den Aufbau und Vortrag einer guten wissenschaftlichen Präsentation.

Literaturtipps:

International Journal of Bilingualism (eine wichtige internationale Zeitschrift der Mehrsprachigkeitsforschung; Volltext online über den OPAC zu erreichen)

Lobin, H. 2012 Die wissenschaftliche Präsentation. Konzept – Visualisierung – Durchführung, Paderborn