Forschungsprojekte

Life Writing Andersdenkender in der Sowjetunion (1960er bis 80er Jahre)

gefördert von der DFG 2014 - 17

 

In der Sowjetperiode war die Produktion von (literarischen, dokumentarischen und politisch-programmatischen) Texten und deren Zirkulation eines der wichtigsten Tätigkeitsfelder An-dersdenkender. Viele begleiteten zudem ihren Alltag mit Tage- und Notizbüchern und ver-fassten Erinnerungstexte (in der englischsprachigen Forschung ist für diese bezüglich ihrer Gattung heterogenen Texte der Begriff Life Writing üblich). Die Texte sind in mehr oder weniger ausgeprägter Form auf die (wahrhaftige) Repräsentation außertextueller Wirklichkeit ausgerichtet, dabei aber Ergebnis einer, je nach Form und Entstehungskontext unterschiedlichen, literarisch-künstlerischen Konstruktion, die wiederum eigene diskursive Wirkungen entfaltet. Wir wollen diese Texte Andersdenkender im Fragezusammenhang der Forschergruppe als plurales ästhetisches und sozial-kulturelles Phänomen beschreiben. Durch die Verbindung einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse mit kultursoziologischer Diskursanalyse kann das Life Writing der Andersdenkenden zum einen in seiner textuellen Gestalt gefasst werden, zum anderen aber auf den Alltag und die ihn prägenden sozialen Praktiken bezogen werden, ohne dass die Texte naiv als Abbildungen von historischer Wirklichkeit aufgefasst würden. Das Life Writing der Andersdenkenden aus dem Umfeld der Dissidentenbewegung ist bisher, abgesehen von Einzelbemerkungen oder als Quelle für die historische Dissidentenforschung, noch nicht Gegenstand einer systematischen Untersuchung geworden. Als literarische Erzeugnisse werden die Werke kaum je angesehen. Auch über das Andersdenken als Lebensmodell und Subjektform wissen wir bisher kaum etwas. Aus dem Diskussionszusammenhang der Forschergruppe stehen in diesem Teilprojekt folgende Problemfelder im Zentrum: Die Modellierung von Norm und Abweichung, Konzepte von Öffentlichkeit und Privatheit und ihre Verbindung mit Thema und Stil sowie in den Texten konstruierte Geschichten des Andersdenkens in Russland.

Projektleitung: Prof. Dr. Mirja Lecke
Projektmitarbeiterin: Christina Jüttner M.A.